Politische Gewalt: SPD-Politiker wegen AfD-Angriff angeklagt

Kurz vor Weihnachten 2024 soll ein SPD-Kommunalpolitiker in einer Kneipe zugeschlagen haben. Getroffen hat es nach den Vorwürfen seinen eigenen Ratskollegen Norbert Raatz von der AfD, der dabei zu Boden ging. Anderthalb Jahre später hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Und genau hier wird es interessant: Über politische Gewalt zwischen AfD und SPD wird in Deutschland selten ergebnisoffen gesprochen, sondern fast immer entlang der Frage, wer das Opfer ist.

Leerer Gerichtssaal mit Richterbank vor Verhandlungsbeginn

Der Fall in Kürze

Kurz vor Weihnachten 2024, abends in einer Kneipe am Rande des ganz normalen kommunalpolitischen Betriebs: Zwei Mitglieder desselben Rats treffen aufeinander, einer für die SPD, einer für die AfD. Der Vorwurf lautet, der SPD-Politiker habe seinen AfD-Kollegen körperlich angegriffen und zu Boden geschlagen. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen Anklage erhoben, und das ist ein Vorwurf, kein Urteil. Auffällig ist vor allem die Zeitachse: Zwischen dem Abend in der Kneipe und der Anklage liegen rund anderthalb Jahre. Ein bundesweiter Aufschrei ist in dieser ganzen Zeit ausgeblieben.

Das ist der Kern. Alles Weitere ist Einordnung, und die ist hier wichtiger als die Schlagzeile.

Was eine Anklage bedeutet und was nicht

Eine Anklage ist kein Schuldspruch. Sie bedeutet: Die Staatsanwaltschaft hat ermittelt und hält eine Verurteilung für wahrscheinlich genug, um die Sache vor Gericht zu bringen. Danach entscheidet das Gericht erst noch, ob es die Anklage zulässt und ein Verfahren eröffnet. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung, und die gilt auch für einen SPD-Mann, dem man politisch nichts abgewinnen kann.

Wer das für eine lästige Formalie hält, verfehlt den Punkt. Der Rechtsstaat ist genau dann etwas wert, wenn er für die Gegenseite so funktioniert wie für die eigenen Leute. Wir wollen ihn schließlich auch dann, wenn es andersherum läuft.

Der eigentliche Prüfstein ist die Reaktion

Stell dir denselben Abend mit vertauschten Parteibüchern vor: Ein AfD-Stadtrat schlägt einen SPD-Kollegen in einer Kneipe zu Boden. Wie lange hätte es gedauert, bis daraus ein bundesweites Thema geworden wäre? Wie viele Talkrunden über rechte Gewalt hätte es gegeben, wie viele Erklärungen von Parteispitzen?

Die Frage ist nicht rhetorisch. Wie schnell und wie laut über einen Übergriff gesprochen wird, hängt in der Praxis stark davon ab, wer zugeschlagen hat und wer am Boden lag. Wie schnell aus einer dünnen Behauptung eine wochenlange Empörungswelle wird, wenn die Richtung stimmt, ließ sich zuletzt an der Debatte um eine angebliche Geste des AfD-Chefs beobachten, bei der sich schließlich der Mann selbst zu Wort meldete, dem sie gegolten haben soll.

Das ist der Doppelstandard, um den es hier geht. Nicht: Die einen sind gewalttätig, die anderen nicht. Sondern: Dieselbe Tat erzeugt eine völlig unterschiedliche öffentliche Temperatur, je nachdem, wer sie begeht.

Was die Statistik zur politischen Gewalt hergibt und was nicht

Wer nach Zahlen zu politischer Gewalt in Deutschland sucht, landet fast immer bei derselben Quelle: der Statistik zur politisch motivierten Kriminalität, kurz PMK. Sie wird vom Bundeskriminalamt zusammengeführt und jährlich vom Bundesinnenministerium veröffentlicht.

Wie politisch motivierte Kriminalität erfasst wird

Die PMK unterteilt Straftaten in Phänomenbereiche: rechts, links, ausländische Ideologie, religiöse Ideologie sowie eine Restkategorie für alles, was sich nicht eindeutig zuordnen lässt. Entscheidend dabei: Gewaltdelikte sind nur eine Teilmenge. Ein erheblicher Teil der Gesamtzahlen besteht aus Propagandadelikten, also aus Parolen, Symbolen und Aufklebern, nicht aus Fäusten.

Wer also nach politischer Gewalt links gegen rechts sucht und eine große Zahl findet, sollte zuerst prüfen, ob es dort überhaupt um Gewalt geht oder um beschlagnahmte Aufkleber.

Warum du Zahlen nicht blind übernehmen solltest

Die Zuordnung einer Tat zu einem Phänomenbereich trifft die erfassende Polizeibehörde nach einem bundesweiten Definitionssystem. Das ist eine Einschätzung, kein Naturgesetz, und genau daran entzündet sich seit Jahren Kritik. Dazu kommt ein Dunkelfeld: Nicht jeder Übergriff wird angezeigt, und nicht jede Anzeige wird als politisch motiviert eingestuft.

Unser Fall zeigt das exemplarisch. Ein Faustschlag zwischen zwei Ratsmitgliedern kann als politisch motivierte Tat erfasst werden, oder als schlichte Wirtshausschlägerei. In der Statistik sieht beides völlig verschieden aus. Der ehrliche Satz an dieser Stelle lautet deshalb: Nimm keine Zahl ernst, deren Zustandekommen dir niemand erklärt.

Warum der Blick auf Weimar lohnt

Nicht als Alarmismus, sondern als Lehrstück. Die Weimarer Republik ist nicht an einem einzigen großen Knall zerbrochen, sondern an einer langen Kette kleiner Grenzüberschreitungen: Saalschlachten, Straßenkämpfe, politische Morde wie der an Außenminister Walther Rathenau im Jahr 1922. Am Anfang stand nie der Mord, sondern die Gewöhnung. Erst wurde geschubst, dann geschlagen, dann geschossen. Und immer gab es eine politische Erzählung, die erklärte, warum es diesmal verständlich gewesen sei.

Darum ist ein Faustschlag im kommunalpolitischen Alltag mehr als eine Randnotiz. Nicht wegen der Schwere der Verletzung, sondern wegen der Botschaft dahinter: Wer dich politisch nicht überzeugen kann, greift zu etwas anderem. Wie schnell das kippt, wenn ein politischer Termin zum Aufmarschgebiet erklärt wird, zeigt sich rund um Parteitage regelmäßig, in Erfurt drohte zuletzt die Totaleskalation.

Haltung zeigen, ohne die Faust zu heben

Genau hier liegt der praktische Punkt. Die Antwort auf politische Gewalt ist nicht Gegengewalt, sondern Sichtbarkeit. Wer eine Meinung hat, soll sie zeigen dürfen: auf dem Auto, am Helm, auf der Werkzeugkiste, am Laptop. Patriotische Aufkleber ersetzen kein Argument, aber sie sind das Gegenteil einer Faust. Dauerhaft, öffentlich, nachprüfbar, und niemand kommt dabei zu Schaden.

Vier Punkte, die im Alltag helfen:

  1. Bleib bei den Fakten. Wer einen Übergriff schildert, sollte ihn korrekt schildern. Angeklagt ist nicht verurteilt. Wer da schludert, macht die Gegenseite stark.
  2. Dokumentiere, statt zu diskutieren. Wenn es hart wird, sind Zeugen und Uhrzeiten mehr wert als das beste Argument um Mitternacht in einer Kneipe.
  3. Zeig Flagge dort, wo es dich betrifft. Ein Deutschland-Aufkleber mit klarer Ansage am eigenen Fahrzeug erreicht im Alltag mehr Menschen als der lauteste Kommentar unter einem Beitrag.
  4. Kundgebung statt Kneipenstreit. Wer auf Demonstrationen und an Infoständen unterwegs ist, kennt das Sichtbarkeitsproblem. Ein Stickerstab hält politische Sticker dort, wo sie gesehen werden, ohne dass jemand fremdes Eigentum beklebt.

Und wer dabei einen kühlen Kopf behalten will: Die politische Großwetterlage spricht ohnehin nicht für Panik. In Brandenburg steht die AfD in Umfragen auf Rekordniveau, während die Regierungskoalition abrutscht. Wer Mehrheiten gewinnt, braucht keine Fäuste.

Fazit

Ein SPD-Kommunalpolitiker ist angeklagt, weil er seinen AfD-Ratskollegen in einer Kneipe zu Boden geschlagen haben soll. Ob der Vorwurf zutrifft, klärt ein Gericht und kein Blog. Was sich aber schon jetzt zeigt: Die Empörungsmaschine läuft nicht nach der Schwere der Tat, sondern nach dem Parteibuch der Beteiligten. Wer das benennt, relativiert nichts. Er besteht darauf, dass für alle dieselben Maßstäbe gelten. Und die beste Antwort auf eine Faust bleibt eine Haltung, die man sehen kann.

Häufige Fragen

Ist der SPD-Politiker jetzt verurteilt?

Nein. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben, das ist ein Vorwurf. Das Gericht muss die Anklage erst zulassen und danach entscheiden. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.

Warum hat der Fall so wenig bundesweite Aufmerksamkeit bekommen?

Darüber entscheidet keine Regel, sondern die redaktionelle Gewichtung. Auffällig ist, dass vergleichbare Vorfälle mit umgekehrter Parteizugehörigkeit erfahrungsgemäß deutlich schneller und lauter verhandelt werden.

Wie lange hat das Verfahren gedauert?

Zwischen dem Abend in der Kneipe kurz vor Weihnachten 2024 und der Anklageerhebung liegen rund anderthalb Jahre.

Zeigt die PMK-Statistik, von welcher Seite mehr politische Gewalt ausgeht?

Nur eingeschränkt. Ein großer Teil der PMK-Zahlen sind Propagandadelikte wie Parolen, Symbole und Aufkleber, keine Gewalttaten. Zudem ordnet die erfassende Polizeibehörde jede Tat nach Einschätzung einem Phänomenbereich zu, und ein Dunkelfeld bleibt.

Was kann ich tun, wenn ich politische Gewalt ablehne, aber Haltung zeigen will?

Sichtbarkeit statt Konfrontation: Aufkleber am Fahrzeug, am Helm oder am Laptop, Präsenz auf Kundgebungen und Infoständen. Und im Streitfall dokumentieren statt eskalieren.

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